Interview mit Anika: Sie gaben meinem Kind heimlich etwas unveganes

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„Die meisten akzeptieren es, aber ich habe auch schon scharfe Kritik bekommen und erlebt, dass meinem Kind heimlich etwas unveganes gegeben oder sogar Fleischwurst als „Wurst mit ohne toten Tieren“ angedreht wurde. „

Anika setzt heute die Interviewreihe fort und hat unfassbares zu berichten. Neben Ratschlägen und Mut machen, berichtet sie davon, wie ihr Umfeld darauf reagiert hat, dass sie ihr Kind vegan ernährt. Und zwar reagierte dieses nicht gerade auf die nette Art und Weise, sondern widersetzen sich Anikas Überzeugungen und gaben ihrem Kind heimlich unvegane Produkte. Erfahrt nun mehr im Interview: 

  1. Wie lange lebst du vegan? Was war dein Auslöser?
    Seit etwa 4 ½ Jahren. Es gab keinen konkreten Auslöser. Ich hatte mich zuvor schon fast 18 Jahre lang vegetarisch ernährt und das Bewusstsein, dass der Konsum von jeglichen Tierprodukten ethisch nicht vertretbar ist, war langsam in mir gereift.
  2. Du bist momentan/warst schwanger und ernährst dich vegan. Hattest du zu Beginn der Schwangerschaft Bedenken, weil du dich vegan ernährst?
    Meine vegane Schwangerschaft liegt drei Jahre zurück. Bedenken hatte ich keine, da ich mich vorher intensiv mit dem Thema befasst hatte.
  3. Wie sind und waren die Reaktionen deines Umfelds auf diese Ernährungsweise? Falls du Kritik erhältst, wie gehst du damit um?
    Ich habe das gesamte antivegane Bullshit-Bingo etliche Male durchgespielt. Entgegen meiner Befürchtungen waren die Reaktionen auf meine vegane Schwangerschaft allerdings größtenteils neutral bis positiv. Es gab einige besorgte Nachfragen, auf die ich dank meines Wissens über vegane Ernährung (in der Schwangerschaft), das ich mir vorab angeeignet hatte, gut eingehen konnte. Natürlich gab es immer mal den einen oder anderen, der sich mit Horrorstories, die er über mangelernährte vegane Kinder gelesen hatte, zu profilieren oder durch generelle Kritik an der veganen Lebensweise seine eigene kognitive Dissonanz zu mindern versuchte. Solche Leute sind vernünftigen Argumenten und Fakten nicht zugänglich, daher versuche ich Gespräche mit ihnen zu vermeiden. Obwohl ich mich leider immer noch ziemlich über deren Ignoranz ärgere.
  4. War es schwer für dich vegan-freundliche Ärzte und Hebammen zu finden?
    Nein, gar nicht. Meine Frauenärztin hat mich ganz normal darüber aufgeklärt, auf welche Nährstoffe ich achten muss und als ich ihr eröffnete, dass ich vegan lebe, meinte sie nur „ach, dann sind Salami und Rohmilchkäse ja sowieso kein Thema“. Meine Hebamme war gleichzeitig Ernährungsberaterin und hatte ebenfalls keine Bedenken.
  5. Wie war bzw. sind die Reaktionen der Ärzte auf deine Ernährungsweise?
    Im Allgemeinen thematisiere ich es nicht, da ohnehin die wenigsten Ärzten auch Ernährungsexperten sind.
  6. Hattest du während der Schwangerschaft Gelüste auf tierische Produkte? Falls ja, wie hast du das für dich interpretiert und was hast du dagegen unternommen?
    Ich hatte eine Phase, in der ich riesige Lust auf Käse hatte. Ich habe in der Zeit zweimal eine Pizza gegessen, war aber eher enttäuscht, weil es längst nicht so gut schmeckte, wie ich es in Erinnerung hatte. Außerdem habe ich mich im Nachhinein geekelt. Danach habe ich mir häufig Gerichte mit Hefeschmelz und Cashew-„Käse“ gemacht, mit denen ich meine Gelüste gut befriedigen konnte.
  7. Besonders in der Schwangerschaft müssen Frauen darauf achten, die richtigen Nährstoffe zu sich zu nehmen. Viele supplementieren daher Schwangerschaftspräparate. Hast du diese genommen und worauf hast du noch besonders geachtet bzw. achtest du?
    Ich habe gemäß den Empfehlungen ab dem Absetzen der Pille Folsäure supplementiert, was wahrscheinlich gar nicht notwendig gewesen wäre, da man als Veganer gegenüber Omnis ein Vielfaches an Folsäure zu sich nimmt. Die B12-Zufuhr habe ich geringfügig erhöht, und gelegentlich Jod genommen, da ich unjodiertes Salz verwende. Auch habe ich ab und zu Omega-3-Kapseln genommen, wobei ich grundsätzlich eher versucht habe, ausreichend Omega-3 über normale Lebensmittel (Leinöl, Chia- und Hanfsamen) aufzunehmen. Mein Eisenspiegel wurde regelmäßig kontrolliert und war immer im Rahmen, so dass ich kein zusätzliches Eisen nehmen musste. Aufgrund von Schmerzen in den Mutterbändern habe ich etwa ab der Mitte der Schwangerschaft Magnesium zugeführt.
  8. Hast bzw. Hattest du generell das Gefühl, dass dir was fehlt?
    Nein.
  9. Lebt dein Partner auch vegan? Falls nicht, wie reagierte er auf deinen Entschluss, den Veganismus auch in der Schwangerschaft fortzuführen.
    Ja, da gab es keine Probleme.
  10. Gab es Schwierigkeiten während der Schwangerschaft, weil du dich vegan ernährst?
    Nein.
  11. Was ist dein Tipp an vegan lebende Schwangere? Auf was sollen sie besonders achten?
    Macht euch auf keinen Fall verrückt! Informiert euch über kritische Nährstoffe bei veganer Ernährung und speziellen Nährstoffbedarf in der Schwangerschaft, ernährt so ausgewogen wie möglich und supplementiert unbedingt B12. Wenn ihr feststellt, dass eure Ernährungsweise bestimmte Nährstoffe nicht gut abdeckt, spricht m.E. nichts gegen eine gezielte, bedarfsgerechte Ergänzung. Wir bekommen als Veganer oft vorgehalten, unsere Ernährung könne ja nicht gesund sein, wenn man Supplemente nehmen muss. Dabei wird leicht vergessen, dass Schwangeren generell zu bestimmten Nahrungsergänzungsmitteln (oder gar Kombipräparaten, von denen ich persönlich gar nichts halte) geraten wird und dass ein großer Teil der „normalen“ Lebensmittel mit verschiedenen Zusätzen versehen sind (z.B. Jodsalz).
  12. Was ist dein Rat an vegan lebende Schwangere, wenn das Umfeld ständig Diskussionen beginnt und Kritik äußert?
    Eignet euch eine Standardreaktion an, die Stänkerern den Wind aus den Segeln nimmt, z.B.: „Machst du dir Sorgen um mich und mein Kind? Dann erkläre ich dir gerne, wie und warum ich mich so ernähre, beantworte deine Fragen und informiere dich über wissenschaftliche Erkenntnisse. Wenn du nur deine Meinung kundtun willst, ohne dich für anderslautende Informationen zu interessieren, dann such dir bitte einen anderen Gesprächspartner.“
  13. Falls dein Kind schon auf der Welt ist: Hattest du nach der Geburt Schwierigkeiten einen vegan-freundlichen Kinderarzt zu finden? Wie waren die Reaktionen und wie bist du damit umgegangen?
    Ich habe in der örtlichen veganen Facebook-Gruppe gefragt, ob jemand einen veganfreundlichen Kinderarzt empfehlen kann und prompt einen Jackpot gelandet. 🙂interview-vegane-schwangerschaft-ani-titelbild
  14. Wirst du dein Kind weiterhin vegan ernähren?
    Soweit ich kann, ja. Meine Tochter ist jetzt fast drei und ich habe nicht mehr die volle Kontrolle darüber, was in ihrem Magen landet. Die meisten Erwachsenen in unserem Bekanntenkreis stellen sich zwar auf uns ein, aber immer lässt es sich eben nicht verhindern, dass sie etwas unveganes angeboten bekommt, vor Allem von anderen Kindern. Und dann mache ich eben die Faust in der Tasche und lasse sie. Sie entwickelt bereits ein rudimentäres Bewusstsein dafür, dass (bzw. warum) ich keine Tierprodukte kaufe und lehnt von sich aus Wurst oder Gummibärchen „mit toten Tieren“ ab. Aber verbieten werde ich ihr nichts.
  15. Wie sind deine Erfahrungen mit deinem Umfeld auf deine Entscheidung dein Kind vegan zu ernähren?
    Sehr unterschiedlich. Die meisten akzeptieren es, aber ich habe auch schon scharfe Kritik bekommen und erlebt, dass meinem Kind heimlich etwas unveganes gegeben oder sogar Fleischwurst als „Wurst mit ohne toten Tieren“ angedreht wurde. Das macht mich unfassbar wütend und hilflos, weil solche Aktionen nun einmal genau von den oben beschrieben Leuten kommen, die glauben, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und mit denen kein vernünftiges Gespräch möglich ist. Die mir einerseits predigen, wie ungesund und gefährlich vegane Ernährung für Kinder sei und andererseits mein Kind mit Süßigkeiten vollstopfen. Aus diesem Grund habe ich verschiedene Kontakte drastisch eingeschränkt.
  16. Kannst du Vergleiche ziehen, indem du schon einmal eine unvegane Schwangerschaft vollzogen hast?
    Nein.
  17. Jede Schwangerschaft ist anders. Somit hat auch jede Frau mit unterschiedlichen Beschwerden zu kämpfen. Welche traten bei dir auf und was hast du dagegen getan?
    Ich hatte ein paar der üblichen kleineren Wehwehchen: von der 7.-13. Woche Übelkeit, gegen die auch nichts geholfen hat, die aber erträglich war. Gelegentlich Sodbrennen. Etwa ab der Mitte der Schwangerschaft Schmerzen in den Mutterbändern, die sich dank Magnesium lindern ließen. Und etwa von der 23.-29. Woche war ich ein emotionales Pulverfass, was meine Hebamme erfolgreich mit Bachblüten behandelt hat. Ansonsten ging es mir richtig gut und ich war bis zum letzten Tag körperlich fit.
  18. Möchtest du den Lesern noch etwas mitteilen? Dann lass deinen Gedanken freien Lauf.
    Wenn ihr vegan schwanger seid oder eine vegane Schwangerschaft plant, informiert euch gut und vernetzt euch mit anderen veganen Eltern! Gerade als Erstgebärende lässt man sich leicht verunsichern und da ist es unheimlich ermutigend und beruhigend, wenn man aus erster Hand mitbekommt, wie gut sich „mangelernährte“ vegane Babys sich entwickeln. Meine eigene Tochter kam in der 41. Woche mit fast 3,9 kg und top Apgar-Werten zur Welt und hatte im ersten Lebensjahr nicht einmal einen Schnupfen. Seitdem hat sie zwar diverse Infekte durchgemacht, aber definitiv nicht mehr oder schwerere als ihre Altersgenossen, eher weniger. Sie ist körperlich gut entwickelt und fit. In ihrer sprachlichen und allgemeinen geistigen Entwicklung ist sie ihrem Alter weit voraus.

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Liebe Anika, danke für deine Teilnahme! Du hast sehr interessante Antworten gegeben, die auf einer Seite viel Mut machen und Sicherheit geben aber auf der einen Seite auch schockieren. Es ist sehr traurig, dass es Personen gab, die deine Ernährungsweise ignoriert haben und deinem Kind tatsächlich unvegane Lebensmittel gegeben haben. Viel Kraft, Durchhaltevermögen und alles Liebe wünsche ich deiner Familie! Mach weiter so! 🙂

Hintergrundinformationen zur Interviewreihe gibt es im folgenden Artikel, dort erfährst du auch, wie du teilnehmen kannst, falls du ebenfalls schwanger bist oder Mutter und zudem vegan lebst. Ich freue mich auf euer Feedback und auf weitere Teilnehmerinnen! Lasst uns gemeinsam zeigen, dass vegan tatsächlich ohne Probleme in jeder Lebensphase möglich ist, so lange man sich ausgewogen und bewusst ernährt. 🙂

 

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Über V Change Makers

V Change Makers (VCM) ist eine Initiative, die mit Leichtigkeit aufzeigt, dass vegan leben keinen Verzicht bedeutet. VCM liefert praktische Alltagstipps, wertvolle Produktempfehlungen und zeigt einfache Lösungen auf, wie man den Veganismus ohne Probleme in den Alltag integriert. Geführt wird VCM von Jessica Aschhoff (geborene Schlechter). Die 33-jährige ist seit Jahren in der veganen Szene aktiv und leistet Aufklärungsarbeit. Ihr Ziel ist es, den Veganismus gesellschaftsfähig zu machen. Modern, zeitgemäß und aufgeschlossen.