Interview mit Jennie: Eine vegane Mama erzählt, wie sie Ärzte von Vorurteilen befreien konnte

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„Die Reaktionen waren von skeptisch bis neutral. So wirklich positiv waren sie anfangs nicht, aber mit der Zeit hat sich das Bild ein wenig geändert. Mein Kinderarzt hat z. B. nach Tipps und Tricks beim vegetarisch und veganen Beikoststart gefragt und diese dann in seinem Infoblatt mit niedergeschrieben.“

Jennie berichtet euch heute nun, wie sie als zweifache vegane Mama selbst Ärzte von Vorurteilen befreien konnte und mit klaren Tatsachen vom Veganismus überzeugen konnte. Sie sagt ganz deutlich, dass man sich von Kritikern, die meistens sehr uninformiert sind, nicht verunsichern lassen sollte. Lest nun mehr und erfahrt Tipps und Tricks: 

  1. Wie lange lebst du vegan? Was war dein Auslöser?

    Vegan wurde ich Mitte Januar 2013, nachdem ich mich eingehender mit dem Thema beschäftigt hatte. Ein Gespräch mit einem Veganer auf der ‚Köln pelzfrei 2012‘ hat mich (nach fast 20 Jahren als Vegetarierin) zum Umdenken gebracht. Mir waren zu dem Zeitpunkt die ganzen Missstände einfach nicht bekannt und ich habe gehofft, wenn ich „Bio“ kaufe, dann wäre das OK und gut für die Tiere. Darüber, dass z. B. Kühe ständig gebären müssen, um den Milchfluss aufrecht zu erhalten oder z. B. über das Kükentöten wusste ich nichts. Ach hatte ich bis dahin nicht darüber nachgedacht, dass die ausgedienten Tiere auch beim Schlachter landen.

  2. Du bist momentan/warst schwanger und ernährst dich vegan. Hattest du zu Beginn der Schwangerschaft Bedenken, weil du dich vegan ernährst?

    Ich bin momentan nicht schwanger. Ich habe 2 Kinder, die erste Schwangerschaft in den Jahren 2010-2011 war noch vegetarisch. Die zweite Schwangerschaft folgte Ende 2013 bis August 2014 und war dann konsequent vegan. Ich hatte keinerlei Bedenken, da ich mich bestens informiert fühlte. 🙂

    Beide Schwangerschaften und Geburten verliefen ohne Komplikationen. Im Folgenden berichte ich natürlich nur über meine vegane Schwangerschaft. 🙂

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  3. Wie sind und waren die Reaktionen deines Umfelds auf diese Ernährungsweise? Falls du Kritik erhältst, wie gehst du damit um?

    In meinem Umfeld waren die Reaktionen durch die Bank sehr entspannt. Die Menschen um mich herum wussten ja um mein Wissen bezüglich der Ernährung. Von Außenstehenden kamen vereinzelnd Fragen, ob das denn überhaupt möglich sei, ’so mit vegan und schwanger?‘. Manche flüchtige Bekannte machten sich Sorgen, aber diese konnte ich dann schnell ausräumen.

  4. War es schwer für dich vegan-freundliche Ärzte und Hebammen zu finden?

    Ich habe nicht gezielt nach „vegan-freundlichen“ Hebammen oder Ärzten gesucht.

    Ich habe einfach eine Hebamme gesucht, bei der ich das Gefühl hatte, dass die Chemie soweit stimmt. Meine Hebamme hat mich bereits ab der 8. Schwangerschaftswoche begleitet und sich bezüglich der Ernährung ganz raus gehalten, da sie selbst noch keinerlei Berührung mit veganem Leben hatte. Meine Frauenärztin war anfangs besorgt wegen dem Eisen, am Ende konnte ich alle Zweifel anhand der Blutwerte ausräumen. Ich kam ohne jegliche extra Supplemente durch die Schwangerschaft. (Folsäure habe ich allerdings trotz guter Werte anfangs genommen).

    Besonders schön war, dass meine Hebamme und meine Frauenärztin, was ich anfangs nicht wusste, zusammen arbeiten, die Hebamme ist jeden Freitag in der Praxis der FA und somit war der Austausch zwischen uns noch intensiver.

    Beide hatten durch mich erste Berührungen mit einer veganer Schwangerschaft.

    Meine Frauenärztin hat mittlerweile einige Mädels begleitet, die vegan schwanger waren und sich sehr bedankt, dass sie durch die gemeinsame Zeit so viel Neues dazugelernt hat.

  5. Wie war bzw. sind die Reaktionen der Ärzte auf deine Ernährungsweise?

    Die Reaktionen waren von skeptisch bis neutral. So wirklich positiv waren sie anfangs nicht, aber mit der Zeit hat sich das Bild ein wenig geändert. Mein Kinderarzt hat z. B. nach Tipps und Tricks beim vegetarisch und veganen Beikoststart gefragt und diese dann in seinem Infoblatt mit niedergeschrieben.

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  6. Hattest du während der Schwangerschaft Gelüste auf tierische Produkte? Falls ja, wie hast du das für dich interpretiert und was hast du dagegen unternommen?
    Nein, es gab keine Gelüste nach tierischem.
  7. Besonders in der Schwangerschaft müssen Frauen darauf achten, die richtigen Nährstoffe zu sich zu nehmen. Viele supplementieren daher Schwangerschaftspräparate. Hast du diese genommen und worauf hast du noch besonders geachtet bzw. achtest du?

    Anfangs habe ich ein Folsäurepräperat genommen, wobei meine Werte so hoch waren, dass wir es dann abgesetzt haben, da es nur „rein und raus“ ging. Vitamin D und Omega-Fettsäuren supplementiere ich auch außerhalb der Schwangerschaft. Eisen war bei mir glücklicherweise nicht von Nöten. Deva Prenatal hatte ich für den Fall der Fälle zuhause.

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  8. Hast bzw. Hattest du generell das Gefühl, dass dir was fehlt?
    Nein.
  9. Lebt dein Partner auch vegan? Falls nicht, wie reagierte er auf deinen Entschluss, den Veganismus auch in der Schwangerschaft fortzuführen.
    Der Papa der Kids lebte anfangs als Allesesser und wurde dann weitestgehend vegan. Da es mein Körper ist, war von vorne herein klar, dass nur ich entscheide, was ich essen möchte. Er hat mich da immer total unterstützt.
  10. Gab es Schwierigkeiten während der Schwangerschaft, weil du dich vegan ernährst?
    Nein.
  11. Was ist dein Tipp an vegan lebende Schwangere? Auf was sollen sie besonders achten?
    Ich würde mir einfach ein 1×1 der besten Anworten auf häufige Fragen „antrainieren“ und ansonsten entspannt bleiben, sich nicht verrückt machen lassen und sich gut belesen, was in einer veganen Schwangerschaft von Vorteil ist, worauf man achten sollte usw.Aber wie gesagt, nicht verrückt machen lassen. Manche Mädels (unabhängig von der Ernährung) brechen wochenlang oder über Monate alles raus und bekommen trotzdem gesunde Kinder. Im Zweifel eben dann supplementieren und doofe Fragen und Aussagen ignorieren.
  12. Was ist dein Rat an vegan lebende Schwangere, wenn das Umfeld ständig Diskussionen beginnt und Kritik äußert?

    Klar und deutlich machen, dass man umfangreich informiert ist und dass es damit auch gut sein sollte, denn es ist deine Entscheidung.

    Wer Zweifel hat, ob das so gesund ist, der kann sich gerne im WWW oder in Studien informieren (lassen).

  13. Falls dein Kind schon auf der Welt ist: Hattest du nach der Geburt Schwierigkeiten einen vegan-freundlichen Kinderarzt zu finden? Wie waren die Reaktionen und wie bist du damit umgegangen?

    Mein Kinderarzt war anfangs skeptisch. Aber das hat sich nach 1-2 Blutabnahmen total gelegt und gedreht, da meine Tochter generell sehr gute Werte hat. Blut wurde ihr aufgrund einer chronischen Bluterkrankung sowieso alle 3-6 Monate abgenommen.

  14. Wirst du dein Kind weiterhin vegan ernähren?
    Meine Kinder lebten anfangs dann vegan (bzw meine Tochter erst vegetarisch, dann vegan).Mittlerweile sind sie fast 3 und 6 Jahre. Beide essen zwischenzeitlich vegetarisch, z. B. bei Freunden, im Kindergarten oder bei Oma. Ich möchte es ihnen auch nicht dogmatisch aufzwingen, sondern vorleben und ein Bewusstsein schaffen. Was sie dann daraus machen, ist natürlich ihre Sache. Ich bin soweit schon einmal sehr stolz und froh, dass meine Tochter bewusst sagt, dass sie keine Tiere essen möchte. Das Bewusstsein, was genau Milch und Eier für Leiden bedeuten fehlt ihr noch, das werde ich mit der Zeit kindgerecht schaffen, möglichst so, dass sie sich natürlich nicht schlecht oder schuldig fühlt, wenn sie doch Eier und Milch(produkte) essen/trinken möchte und wie gesagt, wie sie dann damit umgeht, obliegt ihr. Sie ist jetzt mit ihren 6 Jahren definitiv schon weiter und reflektierter, als viele Erwachsene es sind und das macht mich sehr stolz, zuhause isst sie weitestgehend vegan, gekocht wird für alle immer vegan. Bei dem Sohn bestimmen wir natürlich noch größtenteils, was er isst, werden es aber genauso handhaben, dass wir ihn kindgerecht langsam heran führen und ihm vegane Optionen anbieten und vorleben.
  15. Wie sind deine Erfahrungen mit deinem Umfeld auf deine Entscheidung dein Kind vegan zu ernähren?

    Die Oma tut sich damit schwer, was inhaltlich „nur“ vegetarisch und was 100% vegan ist und wir haben den Kompromiss, dass sie vegetarisch essen dort, solange, bis sie es irgendwann von allein anders möchten. Ansonsten sind alle sehr entspannt. Meine Tante ist selbst größtenteils vegan und da gut informiert.

  16. Kannst du Vergleiche ziehen, indem du schon einmal eine unvegane Schwangerschaft vollzogen hast?

    Ich kann zwar einen Vergleich ziehen, aber die Unterschiede sehe ich weniger in der Ernährung. Ich war in der 2. Schwangerschaft definitiv besser informiert. Die Schwangerschaft mit der Großen hatte ich bis zum Ende der 12. SSW „Bilderbuch-Übelkeit“ und war sehr müde. Beim dem Kleinen hatte ich eine Symphysenlockerung. Beide Schwangerschaften gingen über den ET. Die Große kam ET+11 mit 3660g und 55cm. Der Kleine ET+4 mit 3550cm und 51cm. Ich habe mich bei der ersten etwas fitter gefühlt – eben aufgrund der Symphysenlockerung. Zugenommen habe ich bei beiden Schwangerschaften ~17kg.

  17. Jede Schwangerschaft ist anders. Somit hat auch jede Frau mit unterschiedlichen Beschwerden zu kämpfen. Welche traten bei dir auf und was hast du dagegen getan?

    Wie schon vorher gesagt, meine beiden Schwangerschaften waren relativ komplikationslos. Bei der Symphysenlockerung halfen mir Ruhe und eine liebe Haushaltsfee, die die Krankenkasse gezahlt hat. Gegen die Übelkeit und Müdigkeit half tatsächlich nur Schlaf. 😀

     

  18. Möchtest du den Lesern noch etwas mitteilen? Dann lass deinen Gedanken freien Lauf.

    Genieße!

    Wenn du gut informiert bist und in guten Händen bist, dann lehne dich einfach zurück und genieße, soweit es deine Gesundheit zulässt, deine Schwangerschaft und lasse dir das nicht durch andere Menschen, die schlecht, falsch oder gänzlich uninformiert sind, vermiesen!

    Ich wünsche dir eine wundervolle Kugelzeit! <3

     

Liebe Jennie, danke für deine hilfreichen Antworten! Du zeigst klar und deutlich auf, dass man zu seinen Überzeugungen stehen soll und das viele Kritiker einfach sehr uninformiert sind und es daher keinen Grund gibt, sich verunsichern zu lassen. Es ist toll, dass du immer wieder einen Weg findest um den Veganismus lebbar in die Gesellschaft zu integrieren. Ich denke ebenfalls, dass Vorleben der richtige Weg ist. Alles Gute für deine Familie! Macht weiter so! 

 

Hintergrundinformationen zur Interviewreihe gibt es im folgenden Artikel, dort erfährst du auch, wie du teilnehmen kannst, falls du ebenfalls schwanger bist oder Mutter und zudem vegan lebst. Ich freue mich auf euer Feedback und auf weitere Teilnehmerinnen! Lasst uns gemeinsam zeigen, dass vegan tatsächlich ohne Probleme in jeder Lebensphase möglich ist, so lange man sich ausgewogen und bewusst ernährt. 🙂

 

Bisherige Interviews mit vegan lebenden Schwangeren bzw. Müttern:

 

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Über V Change Makers

V Change Makers (VCM) ist eine Initiative, die mit Leichtigkeit aufzeigt, dass vegan leben keinen Verzicht bedeutet. VCM liefert praktische Alltagstipps, wertvolle Produktempfehlungen und zeigt einfache Lösungen auf, wie man den Veganismus ohne Probleme in den Alltag integriert. Geführt wird VCM von Jessica Aschhoff (geborene Schlechter). Die 33-jährige ist seit Jahren in der veganen Szene aktiv und leistet Aufklärungsarbeit. Ihr Ziel ist es, den Veganismus gesellschaftsfähig zu machen. Modern, zeitgemäß und aufgeschlossen.