Interview mit Gabi: Vertraut euch selbst und steht zu eurem Veganismus während der Schwangerschaft


„Ich glaube sogar, dass ich mit meiner veganen Lebensweise besser dran bin, als manch eine werdende Mutter, die sich mit Ernährung und den benötigten Nährstoffen noch nie beschäftigt hat.“

Weiter geht es mit Gabriele! Sie und ihr Mann leben seit vielen Jahren vegan und sie berichtet davon, wie sie mit Kritik in ihrem Umfeld umgeht und wie sie ihre vegane Schwangerschaft problemlos gemeistert hat. Lest selbst:

  1. Wie lange lebst du vegan? Was war dein Auslöser?
    Ich lebe seit Oktober 2010 vegan. Davor war ich zwei Jahre Vegetarier und habe mich in der Zeit begonnen, für den Tierschutz zu interessieren. Der Auslöser war, als ich mit meinem Mann gemeinsam eine Veranstaltung in unserer Gemeinde über die
    Schweinehaltung organisiert habe. Durch die Recherche dazu sind wir am Tag nach der Veranstaltung zu dem Schluss gekommen, dass wir ab jetzt vegan leben werden. Wir haben von einem Tag auf den anderen unsere Lebensweise auf vegan umgestellt. Hauptauslöser war das unglaubliche Tierleid, was allein durch Ernährungsgewohnheiten verursacht wird.
  2. Du bist momentan/warst schwanger und ernährst dich vegan. Hattest du zu Beginn der Schwangerschaft Bedenken, weil du dich vegan ernährst?
    Bedenken hatte ich keine, da ich mich mit dieser Ernährung schon sehr lange beschäftige und mich auch mit dem Nährstoffbedarf relativ gut auskenne. Ich glaube sogar, dass ich mit meiner veganen Lebensweise besser dran bin, als manch eine werdende Mutter, die sich mit Ernährung und den benötigten Nährstoffen noch nie beschäftigt hat.interview-vegane-schwangerschaft-gabriele
  3. Wie sind und waren die Reaktionen deines Umfelds auf diese Ernährungsweise? Falls du Kritik erhältst, wie gehst du damit um?
    In meinem engsten Umfeld gab es zum Glück keine Kritik. Mein Mann lebt ebenfalls vegan und meine Eltern unterstützen mich komplett darin. Im Freundeskreis war häufig die erste Frage nach Bekanntgabe der Schwangerschaft: „Du nimmst hoffentlich
    Vitamine in der Schwangerschaft, das kann sonst gefährlich für das Kind werden.“ Oder „Wie willst du dein Kind dann später ernähren? Hoffentlich nicht vegan!“ Ich antworte dann meistens mit Fakten, damit mein Gegenüber merkt, dass ich sehr gut informiert bin und ich keine uninformierten Gegenargumente zulasse. Wenn trotzdem weiter diskutiert werden will, gehe ich nicht weiter drauf ein, weil oft eine vorgefertigte Meinung herrscht. Die Stütze in der Familie ist mir viel wichtiger, als jemand, der sich seine Meinung aus dem Fernsehen oder Berichten im Internet bildet.
  4. War es schwer für dich vegan-freundliche Ärzte und Hebammen zu finden?
    Überraschenderweise war das bei mir kein Problem. Meine Ärztin hat gleich gesagt, dass ich gut informiert bin und sich meine Ernährung damit sicher positiv auf die Schwangerschaft auswirken wird. Zur Sicherheit wurde ein Bluttest gemacht, der die
    gute Versorgung bestätigt hat. Da ich eine Hausgeburt-Hebamme gesucht habe, gab es nicht so viel Auswahl. Aber ich hatte auch mit ihr sehr viel Glück. Meine Hebamme war ebenfalls positiv gestimmt und hat mich in meiner Lebensweise bestärkt. Darüber war ich wirklich sehr froh, weil ich in der Schwangerschaft solche Diskussionen auf jeden Fall vermeiden wollte.
  5. Wie war bzw. sind die Reaktionen der Ärzte auf deine Ernährungsweise?
    Meine Frauenärztin war, wie schon erwähnt, positiv gestimmt. Beim Hausarzt war es bis jetzt noch nie Thema und extra erwähnen möchte ich es auch nicht. Also gab es bei Ärzten zum veganen Thema keinen Stress.
  6. Hattest du während der Schwangerschaft Gelüste auf tierische Produkte? Falls ja, wie hast du das für dich interpretiert und was hast du dagegen unternommen?
    Nein, hatte ich nie.
  7. Besonders in der Schwangerschaft müssen Frauen darauf achten, die richtigen Nährstoffe zu sich zu nehmen. Viele supplementieren daher Schwangerschaftspräparate. Hast du diese genommen und worauf hast du noch besonders geachtet bzw. achtest du?
    Ich habe erst einen Bluttest machen lassen, um den Nährstoffbedarf und eventuellen Mangel zu checken. Dieser wurde in der Schwangerschaft insgesamt drei mal durchgeführt. Davor habe ich, außer Vitamin B12, nichts genommen. Am Anfang waren
    die Werte sehr gut. Erst im letzten Trimester war der Eisenspeicher und Vitamin D etwas niedriger, wobei ich dafür einen Eisensaft und Vitamin D-Tropfen genommen habe. Manche wollten mir, gerade am Anfang der Schwangerschaft, mit Folsäure Angst machen. Der Folsäurewert war bis zum Schluss top und ich bin froh, dass ich mir da nichts einreden lassen habe.
  8. Hast bzw. Hattest du generell das Gefühl, dass dir was fehlt?
    Nicht aufgrund der veganen Lebensweise, sondern am Anfang, weil ich durch die Übelkeit wenig essen konnte und ich mir etwas Sorgen gemacht habe, ob das Baby von mir genug bekommt.
  9. Lebt dein Partner auch vegan? Falls nicht, wie reagierte er auf deinen Entschluss, den Veganismus auch in der Schwangerschaft fortzuführen.
    Ja, wir haben 2010 gemeinsam auf eine vegane Lebensweise umgestellt. Das macht einiges viel einfacher. interview-vegane-schwangerschaft-gabriele-2
  10. Gab es Schwierigkeiten während der Schwangerschaft, weil du dich vegan ernährst?
    Nein, nie. Außer häufigen Diskussionen in Gesprächen, die mich manchmal emotional etwas mitgenommen haben.
  11. Was ist dein Tipp an vegan lebende Schwangere? Auf was sollen sie besonders achten?
    Ein Bluttest mit den wichtigsten Nährstoffen ist nie verkehrt und dass man sich allgemein über eine Schwangerschaft und dem Mehrbedarf an Nährstoffen informiert. Aber eigentlich habe ich weiter gemacht wie bisher und bin damit am besten gefahren.
  12. Was ist dein Rat an vegan lebende Schwangere, wenn das Umfeld ständig Diskussionen beginnt und Kritik äußert?
    Nichts einreden lassen! Ist oft leichter gesagt als getan, aber wenn ihr schon etwas länger vegan lebt, könnt ihr euch sicher sein, dass ihr viel mehr Wissen habt, als alle, die gerne darüber diskutieren. Wenn es euch zu viel wird, das Gespräch abbrechen. Sonst könnte es euch emotional zu sehr mitnehmen, was auch keiner will.
  13. Falls dein Kind schon auf der Welt ist: Hattest du nach der Geburt Schwierigkeiten einen vegan-freundlichen Kinderarzt zu finden? Wie waren die Reaktionen und wie bist du damit umgegangen?
    Ich habe mich schon während der Schwangerschaft intensiv damit beschäftigt, welcher Kinderarzt in Frage kommen könnte und habe meine Hebamme um Rat gefragt. Von ihr habe ich eine Liste bekommen mit guten Kinderärzten, die für uns passen könnten. Wir haben einen super Kinderarzt gefunden, der mit vegan gut umgehen kann und der uns keine Vorwürfe macht, sondern Vorschläge für eine gute Nährstoffversorgung beim Kind macht. Hätte er nicht gepasst, hätten wir den Arzt gewechselt.
  14. Wirst du dein Kind weiterhin vegan ernähren?
    Ja, definitiv. Ich möchte meine Lebensweise so gut wie möglich an meine Kinder weitergeben.
  15. Wie sind deine Erfahrungen mit deinem Umfeld auf deine Entscheidung dein Kind vegan zu ernähren?
    Fast alle machen sich um das Kind sorgen, weil es vegan ernährt werden soll. Viele haben Vorurteile im Kopf und sind daher von vornherein eher negativ darauf eingestellt. Dadurch, dass wir gut informiert sind und auch gute Argumente auf alle möglichen Fragen haben, ist so eine Diskussion oft bald vorbei. Dieses Verhalten ist aber sehr interessant, weil sich keiner bei einem Omnivor ernährten Kind sorgen machen würde, auch wenn die Eltern sich über den Nährstoffbedarf überhaupt keine Gedanken machen.
  16. Kannst du Vergleiche ziehen, indem du schon einmal eine unvegane Schwangerschaft vollzogen hast?
    Nein, es ist mein erstes Kind.
  17. Jede Schwangerschaft ist anders. Somit hat auch jede Frau mit unterschiedlichen Beschwerden zu kämpfen. Welche traten bei dir auf und was hast du dagegen getan?
    Ich hatte bis zur 20.SSW permanente Übelkeit und Kreislaufbeschwerden, da ich von Natur aus niedrigen Blutdruck habe. Ich habe dabei alles gegessen (vegan natürlich), nur viel viel weniger. Danach hatte ich zeitweise starke Rückenschmerzen, vermutlich durch den Druck auf die Nieren durch das Baby. Damit konnte ich teilweise nicht einmal vom Bett aufstehen. Ein Kirschkernkissen hat manchmal geholfen. Die letzten 8 Wochen ging es mir dann sehr gut. Das waren aber alles Probleme, die mich eingeschränkt haben, die auf das Baby aber keine Auswirkungen hatten. Das Baby war die ganze Schwangerschaft
    über sehr gut entwickelt und versorgt und kam, pünktlich am Entbindungstermin, mit 51cm und 3240g auf die Welt. Bis jetzt wird sie voll gestillt und entwickelt sich weiterhin prächtig.
  18. Möchtest du den Lesern noch etwas mitteilen? Dann lass deinen Gedanken freien Lauf.
    Mir war in der Schwangerschaft besonders der Rückhalt meines Mannes sehr wichtig. Ich hatte teilweise Angst vor Arztterminen, weil ich Diskussionen vermeiden wollte. Dabei hat mir seine Anwesenheit sehr geholfen. Wenn zuhause alles geklärt ist und ihr einer Meinung seid, dann sind alle Diskussionen und Sorgen anderer nur halb so schlimm. Es gibt viele Entscheidungen während einer Schwangerschaft, die oft von Ärzten oder Bekannten nicht mitgetragen werden. Dann soll doch wenigstens die eigene Ernährung nicht so in den Vordergrund gedrängt werden und zur Belastung werden. Wir hatten uns beispielsweise gegen Ultraschall entschieden (wir wurden dabei von der Hebamme unterstützt). Die erste Reaktion der Ärztin war, dass ich dann für die Arbeit keine Bestätigung bekomme, weil sie dann ja nicht weiß, ob das Kind noch lebt. Der Satz hat mich wochenlang beschäftigt, obwohl es wahrscheinlich nur so daher geredet war. Also mein Tipp: Euch mit positiven Menschen umgeben und die Schwangerschaft, so gut es geht, genießen. Vertraut euch selbst und überlegt euch genau, was euch in der Schwangerschaft wichtig ist. Wenn ihr selbst davon überzeugt seid, kann euch nichts davon abbringen und euch auch nicht emotional niederreißen.

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Liebe Gabriele, danke für Deine informativen Antworten! Du hast einen tollen Einblick in deine damalige Schwangerschaft gewährt und verdeutlicht, dass man selbstbewusst zu seinen Überzeugungen stehen soll. Zudem zeigt euer gesundes Baby ganz klar, dass eine gute ausgewogene vegane Ernährung dem Kind nicht schadet. Alles Gute für euer Familienglück!

Hintergrundinformationen zur Interviewreihe gibt es im folgenden Artikel, dort erfährst du auch, wie du teilnehmen kannst, falls du ebenfalls schwanger bist oder Mutter und zudem vegan lebst. Ich freue mich auf euer Feedback und auf weitere Teilnehmerinnen! Lasst uns gemeinsam zeigen, dass vegan tatsächlich ohne Probleme in jeder Lebensphase möglich ist, so lange man sich ausgewogen und bewusst ernährt. 🙂

 

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Über V Change Makers

V Change Makers (VCM) ist eine Initiative, die mit Leichtigkeit aufzeigt, dass vegan leben keinen Verzicht bedeutet. VCM liefert praktische Alltagstipps, wertvolle Produktempfehlungen und zeigt einfache Lösungen auf, wie man den Veganismus ohne Probleme in den Alltag integriert. Geführt wird VCM von Jessica Aschhoff (geborene Schlechter). Die 33-jährige ist seit Jahren in der veganen Szene aktiv und leistet Aufklärungsarbeit. Ihr Ziel ist es, den Veganismus gesellschaftsfähig zu machen. Modern, zeitgemäß und aufgeschlossen.